Von weitem scheinen die Objekte auf dem Gemälde eine amorphe Masse zu bilden – Gedärme oder Gehirnwindungen kommen einem in den Sinn. Tritt man näher heran, sieht man, dass es sich um menschliche Körper handelt, alle nackt, geschlechtslos, miteinander verwoben und verschlungen, ineinander verschmelzend zu einem Raum, einer Struktur – und doch keine Einheit bildend. Jede der Figuren erscheint zugleich schutzsuchend und schutzlos, verletzend und verletzlich, nicht allein und doch einsam. Genau zweihundertsechzehn Figuren hat Niloofar Monadian hier festgehalten – so auch der Titel des Werkes „Zweihundertsechzehn“ – und dabei weit mehr auf die 106 x 169 cm große Leinwand gebannt als menschliche Körper: „Das Bild ist in diesem Jahr entstanden, zu der Zeit, als der Krieg zwischen Israel und Iran begann“, erzählt die junge Frau, die 1993 in Teheran/Iran geboren wurde und 2018 nach Deutschland kam, um an der Marburger Uni ihren Master in bildender Kunst zu machen. Ohnmächtig habe sie sich angesichts der politischen Lage gefühlt, innerlich zerrissen zwischen dem Wusch, den eigenen Weg zu verfolgen und dem Gefühl, Freunde und Familie im Stich zu lassen. Was macht es mit einem Menschen, wenn der Ort, an dem die eigenen Wurzeln liegen, angegriffen und zerstört wird? Wenn die Welt, wie man sie kannte, plötzlich abhanden kommt? Und man selbst der Welt, wie man sie kannte? Die inneren Bilder, die diese Gefühle erzeugen, hält Niloofar Monadian fest, mit Ölfarben auf Leinwand und Papier.
Eine ganze Serie entsteht so, neben unterschiedlichen Varianten des Hauptmotivs, hebt die Künstlerin einzelne Figuren heraus, in kleinformatigen, jeweils 18 x 24 cm großen, Einzelakten vor weißem Hintergrund, die den Eindruck der Isolation, der Verletzlichkeit, der Ohnmacht umso stärker unterstreichen. „Sich abwesend“ nennt Monadian ihre aktuelle Serie, nach Søren Kierkegaards berühmten Zitat „Der Unglückliche ist immer sich abwesend“. Acht Bilder umfasst die Serie derzeit, abgeschlossen ist sie noch nicht.
Preise hat die 32-jährige für ihre Arbeiten bereits erhalten, ihre Bilder wurden unter anderem in Teheran, Istanbul und Marburg gezeigt, zuletzt wurde die junge Künstlerin für die Teilnahme an der Internationalen Werkstattwoche in Lüben ausgewählt. Dass ihre erste Solo-Ausstellung ausgerechnet in der DENKBAR stattfindet, freut Niloofar Monadian, denn mittlerweile lebt und arbeitet die Graphikdesignerin und freie Künstlerin im Nordend.
ABSENZEN ist der – sehr sprechende – Titel der Ausstellung, die noch bis zum 02. Oktober zu sehen ist. „ABSENZEN führt nicht das Fehlende, sondern das Fehlen vor Augen“, heißt es im Begleittext des Germanisten und Kunstliebhabers Lukas Sarvari zur Ausstellung. „Verlassene Orte und ortlose Menschen. Leiber, die sich nah, aber entrückt sind. Sehnsucht, die leer bleibt – Fülle, die einengt. Nilofaar Monadian erkundet in ihren Gemälden seelische Zustände und deren körperlichen Ausdruck in einer abhanden gekommenen Welt“. Wie unterschiedlich die junge Malerin dies umsetzt, zeigt sich in den beiden weiteren Serien, die zu sehen sind:
„Fernweh“ entstand in den Jahren 2021 bis 2023 – noch unter dem Eindruck der Corona-Zeit mit den beiden „Lockdowns“. Das Gefühl, sich nicht zeigen zu können, nicht gesehen zu werden, war es, das die Künstlerin hier visuell verarbeitet. Der Ausgangspunkt der Serie reicht jedoch historisch viel weiter zurück: Im Jahr 1794 eroberter Aga Mohammed Khan die persische Stadt Kerman und verübte an der Bevölkerung ein Massaker: Frauen und Kinder verkaufte er in die Sklaverei, die Männer blendete er und ließ ihnen die Augen herausreißen. Blutrot vor schwarzem Hintergrund sind die Bilder Monadians, das Hauptwerk „The Second Narration 1794“ zeigt in ähnlicher Weise wie „Sich abwesend“ menschliche Körper, die miteinander und mit den Augäpfeln verwoben sind, einen Raum bilden, der in der Form einem menschlichen Auge ähnelt. Zu umarmen scheinen die Körper die Augäpfel und der erlittenen Grausamkeit damit etwas Zärtliches entgegenzusetzen. Oder ringen sie um Blicke? Mit stolzen 170 x 200 cm ist das Gemälde zu groß, um in der DENKBAR wirkungsvoll präsentiert zu werden und daher in der Ausstellung nicht zu sehen, doch auch in dieser Serie überträgt die Künstlerin einzelne Bildteile in kleinformatigere Ausschnitte und schafft es auf diese Weise, den Betrachtenden ihre Gefühlswelt unabhängig vom Hauptwerk zu transportieren. Eines der jeweils nur 10 x 12 cm großen Bilder fand noch während der Vernissage einen Käufer.
Fast unter geht unter diesen Eindrücken die dritte Serie: Etwas versteckt am Aufgang zum Obergeschoss der DENKBAR präsentieren sich die „Miniaturen“, vier kleine Ölgemälde auf Leinwand aus dem Jahr 2020. Ganz anders hier die künstlerische Herangehensweise, Räume und Figuren sind in diesen Arbeiten noch nicht abstrahiert: Ein leerer Raum in Grau- und Grüntönen, ein weißer Raum mit offener Tür, in dem sich nichts weiter befindet als ein schmales Bett, eine (männliche?) Person in einem Treppenhaus, die zu Boden (oder auf ein Handy) schaut, eine junge Frau, nachdenklich und allein vor einem verschwimmenden Raum. Aber die Gefühle, die aus diesen frühen Werken sprechen, sind die gleichen: Leere, Isolation, Einsamkeit, Verlorenheit. Eine Welt, die einem irgendwie abhanden gekommen ist. Und der man selbst irgendwie abhanden gekommen ist.
ABSENZEN von Niloofar Monadian, noch bis 02. Oktober in der DENKBAR, Spohrstr. 47a, Frankfurt-Nordend. Besichtigung im Beisein der Künstlerin am 06./07. September (Saisonstart der Galerien) von 12.00 – 15.00 Uhr, am 16. September ab 19.00 Uhr beim OffenBarAbend und am 02. Oktober ab 18.00 Uhr zur Finissage, außerdem nach Vereinbarung (mail@niloofarmonadian.de)