Leise Mundharmonika-Töne weisen den Weg, durch die offene Tür hinein in das Treppenhaus der Nesenstraße 6, durch die Hintertür in den lauschigen Garten. Hier sitzt der Bluesmusiker Keith Dunne, lässt das Instrument abwechseln mit seiner kraftvollen rauchigen Stimme. Die ersten Töne von „Summertime“ erklingen, das Publikum stimmt ein. Es ist voll an diesem schönen Sommerabend, rund 60 Menschen sitzen auf Holzbänken, auf Treppenstufen, auf Picknickdecken, genießen die Abendstimmung, die mitreißende Musik. Zum 99. Mal hat Irene Kokemüller zur „Nesenstraßenmusik“ geladen, fast eineinhalb Stunden ohne Pause verzaubert Dunne sein Publikum. „Ein Geschenk mit kleinen Tönen“, sagt Irene Kokemüller, die die Konzerte seit fünf Jahren in Alleinarbeit organisiert.
Entstanden ist die Idee während der Coronazeit: „Ich wollte etwas für die Künstlerinnen und Künstler tun, die ja damals kaum Auftritts- und Verdienstmöglichkeiten hatten“, erzählt die 79-jährige. Bei einem Konzert des „Bridges“-Kammerorchester lernte Kokemüller dessen Leiterin Johanna Dahlhoff kennen, die ihr die ersten Musiker*innen vermittelte. Anfang November 2020 fand das erste Konzert statt, mitten auf der Nesenstraße. „Auf dem einen Bürgersteig war eine Harfe aufgebaut, die sah wie ein Engelsflügel aus. Das Publikum stand auf der anderen Straßenseite, dazwischen fuhren die Autos, denn eine Absperrung hatte ich nicht beantragt“, erinnert sich Irene Kokemüller. Weder der Besuch der Polizei – „zweimal kamen die mit großem Aufgebot“ – noch das unwirtliche Winterwetter konnten die Rentnerin und ihr Publikum abschrecken: „Jede Woche gab es ein Konzert, den ganzen Winter 2020 und 2021 hindurch“. Die Zuhörerinnen und Zuhörer konnten auf diese Weise endlich mal wieder Weltmusik oder Jazz live genießen. Für die Musiker*innen bedeutete dies die Chance, wenigstens ein bisschen Geld zu verdienen, denn – diskret im Hintergrund – hat Kokemüller eine Spendenbox platziert., die vom Publikum stets fleißig befüllt wird. Rund 500 Euro kommen bei jedem Auftritt zusammen, „einmal waren es sogar über 1000 Euro“.
Nach der Pandemie ging es weiter, jetzt in unregelmäßigeren Abständen. Zwischen März und Oktober treten die Musiker*innen auf der Nesenstraße auf, im Sommer an den Abenden, im Frühling und Herbst auch mal mittags um 12 Uhr. Nur bei Regen müssen die Auftritte leider abgesagt werden. Die genauen Termine und das Programm werden per Mailverteiler kommuniziert, rund 500 Interessierte erreicht Kokemüller auf diesem Weg. Im Schnitt 50 – 60 Zuhörerinnen und Zuhörer kann sie jeweils zu den Konzerten in der Nesenstraße oder jetzt – da sich in der Straße gerade mehrere Baustellen befinden – in ihrem Garten begrüßen. Viele davon werden Stammgäste. So wie der fünfjährige Felix, der um die Ecke wohnt, neben seinen Vater in einen Campingsessel gekuschelt, andächtig der Musik lauscht und schon einige Konzerte besucht hat. Zum ersten Mal dabei ist eine Dame aus Eschersheim, auch sie will gerne wiederkommen, „die Atmosphäre ist einfach schön“.
Vier Konzerte sind in diesem Jahr noch geplant – das nächste am kommenden Sonntag, 31. August, wird ein ganz besonderer Abend: Zum 100. Nesenstraßenkonzert hat Kokemüller ab 18.00 Uhr das „Acht-Ohren-Trio“ eingeladen, das „Musik aus allen Ecken des Globus“ verspricht und dabei „globale Fundstücke lokal aufmischen“ will. Im Anschluss wird das Jubiläum gebührend gefeiert – mit einem Überraschungsbuffet, zu dem alle Besucherinnen und Besucher etwas beisteuern sollen – „am besten Fingerfood“, rät Irene Kokemüller. Denn damit sich der organisatorische Aufwand in Grenzen hält, wird es vor Ort weder Besteck noch Teller geben – die Gäste werden gebeten, bei Bedarf eigenes Geschirr und auch Gläser mitzubringen.
Stattfinden wird das 100. Nesenstraßenkonzert übrigens bei jedem Wetter – zur Not eben als „Nesenstraßenwohnzimmerkonzert“ in Kokemüllers Wohnung. Wer sich durch Polizeieinsätze und Baustellen nicht beirren lässt, den kann schließlich auch ein bisschen Regen nicht schrecken!
100. Nesenstraßenkonzert am Sonntag, 31. August ab 18.00 Uhr im Garten der Nesenstraße 6 mit dem „Acht-Ohren-Trio“ und anschließender Feier.
Weitere Termine findet ihr in unserem Veranstaltungskalender. Oder ihr schreibt eine Mail an irene@kokemueller.de und meldet euch für den Newsletter an.