Unsere Kraft schwindet, immer brauner werden unsere Blätter. Bald werden wir nicht mehr da sein. Exakt sechs Jahrzehnte lang haben wir das getan, was wir am besten können: Schatten spenden und für saubere Luft sorgen. Nicht viele Bäume sind dazu in der Lage, in einer Großstadt, den meisten ist es hier zu trocken. 60 Jahre, das ist für uns Platanen eigentlich kein Alter. Wusstet ihr, dass schon Hippokrates sein Wissen unter einer von uns weitergegeben hat? Wenn ihr einmal Urlaub auf Kos machen solltet, könnt ihr unsere Schwester dort immer noch bewundern. Aber auch wir können – aus stolzer Höhe von über 30 Metern – auf ein ereignisreiches Stück (Stadt-)Geschichte zurückblicken.
Als wir im Jahr 1965 auf dem Merianplatz im Frankfurter Nordend gepflanzt wurden – der übrigens nicht nach der Biologin Maria Sibylla Merian, sondern nach dem Kupferstecher Matthäus Merian benannt ist – als wir also links und rechts vom Merianbad in den Boden gesetzt wurden, da war dieses noch ein richtiges Bad, ein sogenanntes „Volksbrausebad“. Denn viele Menschen hatten damals noch kein Badezimmer mit Dusche und so kamen sie ein- oder mehrmals die Woche ins Merianbad, um sich hier in den 14 Duschkabinen oder in einem der Wannenbäder zu säubern. Noch 1981 fanden sich insgesamt 61.000 Badende ein, dann wurden es immer weniger, bis das Bad Anfang der 2000er geschlossen und in ein Café umgewandelt wurde. Sieben Duschkabinen gab es weiterhin, auch wenn im Jahr 2011 gerade einmal zwei „Stammgäste“ diese nutzten. Im Januar 2020 eröffnete in dem kleinen Raum neben dem Restaurant der Stadtteiltreff. Über ein Jahrzehnt haben wir mitverfolgt, wie sich der Ortsbeirat immer wieder für dieses Projekt eingesetzt hatte. Dass der Stadtteiltreff – wie auch das Restaurant und alle anderen Geschäfte rund um den Merianplatz – dann erst einmal wochen- und monatelang geschlossen bleiben musste, tja, das ist eine andere Geschichte, an die wir uns alle nur ungern erinnern. Umso mehr freut es uns, dass der Stadtteiltreff sich heute zu einem wirklichen Treffpunkt für große und kleine Nordendler*innen entwickelt hat. Initiativen, Vereine und Ortsbeiratsfraktionen entwickeln hier neue Ideen, es finden Lesungen Vorträge und kreative Workshops statt, Menschen finden hier Rat und Hilfe und einmal pro Monat verwandelt sich der Raum in ein fröhliches Café mit leckerem Kuchen, toller Musik und guten Gesprächen.
Ja, wir haben wirklich viel gesehen. Unvergessen ist die Eröffnung der U-Bahn-Haltestelle im Mai 1980. Dass ihr mit der U4 heute bis zum Merianplatz (und weiter) fahren könnt, ist keine Selbstverständlichkeit, denn die dichte Bebauung des Viertels und die schmale Straßenbreite stellten die Stadtplaner*innen damals vor eine echte Herausforderung. Schließlich wurden die beiden Bahnsteige nicht neben-, sondern übereinander angeordnet, was schon aufgrund der tiefen Baugrube und des Grundwasserspiegels sehr aufwändig war.
Und kennt ihr die „Offenen Bücherschränke“? Da könnt ihr die Bücher, die ihr gelesen habt und nicht mehr braucht reinstellen und euch Nachschub besorgen. Und das, ohne dass ihr dafür Geld ausgeben oder irgendwelche Öffnungszeiten oder Ausleihfristen berücksichtigen müsst. Heute sind die Bücherschränke überall in Frankfurt zu finden, aber der allererste, der wurde im November 2009 hier bei uns am Merianplatz aufgestellt. Eine tolle Idee des damaligen Stadtrates Lutz Sikorski. Auch ein Nordendler, der leider viel zu früh verstorben ist…
Besonders schön ist es bei uns immer im Juni. Denn dann verwandelt sich die Berger Straße für ein Wochenende in eine kunterbunte Festmeile und fast wie im Süden sitzen die Menschen bis in die späten Abendstunden zusammen, unterhalten sich, genießen Köstlichkeiten aus aller Welt, flanieren die Straße entlang, stöbern in den Läden und lassen sich von der Musik mitreißen und zum Tanzen animieren.
Eine gute Verkehrsanbindung, kultige Läden und Cafés direkt vor der Haustür zu haben, ist eine schöne Sache, aber leider nicht für alle: Als wir noch junge Bäume waren, waren es hauptsächlich Studierende, Rentner*innen und sonstige Menschen mit niedrigerem Einkommen, denen wir von unserem Standplatz aus beim Wohnen und Leben zusehen konnten. Die Wohnungen rund um den Merianplatz waren heruntergekommen, viele hatten noch Kohleöfen und ein sogenanntes „Frankfurter Bad“, bei dem sich die Waschgelegenheit in der Küche befindet (sofern eine Badegelegenheit überhaupt vorhanden war, aber das hatten wir ja schon…). Aber es kam, wie es kommen musste: Immer mehr Menschen bekamen mit, wie pudelwohl sich die Nordendler*innen in ihrem Stadtteil fühlten, immer mehr wollten auch hier leben und tja, man muss nicht Volkswirtschaft studiert haben, um zu verstehen, wo hohe Nachfrage auf knappes Angebot trifft, da wachsen leider die Preise. Und das fast so hoch wie wir Platanen! Rund 19 Euro Miete pro Quadratmeter muss heute hinlegen, wer rund um den Merianplatz wohnen möchte. Wer bitte kann sich das noch leisten? Und auch die vielen kleinen originellen Geschäfte auf der Berger Straße haben mehr und mehr mit steigenden Mieten zu kämpfen. Viele von ihnen sind mittlerweile Restaurants, Friseur*innen oder irgendwelchen Ketten gewichen. Wie die Politik es hinbekommen wird, die Lebensqualität hoch und die Mieten niedrig zu halten – und nicht umgekehrt! – das werden wir wohl nicht mehr erleben.
Denn wie gesagt, viel Zeit bleibt uns nicht mehr. Und damit meinen wir nicht nur unser ganz persönliches Schicksal, sondern das von euch allen. Denn lasst euch gesagt sein, der Klimawandel, der schreitet immer mehr voran, gerade in unserer dicht bebauten und dicht besiedelten Stadt! Als wir noch kleine Bäumchen waren, da kamen im Winter Buben und Mädchen mit rotgefrorenen Wangen an uns vorbei, die sind auf dem zugefrorenen Main Schlittschuh gelaufen und haben sich anschließend noch eine ordentliche Schneeballschlacht geliefert. Aber diese Zeiten scheinen endgültig vorbei Um mehr als ein Grad ist die Temperatur in unserer Stadt allein in den letzten 30 Jahren angestiegen und vor allem im Sommer ist es oft viel zu heiß und viel zu trocken. Wie haben wir uns immer über jede Gießkanne Wasser gefreut, die uns Nachbarinnen und Nachbarn vorbeigebracht haben! Ohne diese Hilfe, da sind wir uns sicher, wäre es schon viel früher mit uns vorbei gewesen! Überhaupt die Menschen rund um den Merianplatz… gegen alle Widerstände (und die gibt es leider zuhauf, nicht zuletzt vom Denkmalamt) haben sie sich dafür eingesetzt, den staubigen, heißen Platz teilweise zu entsiegeln und zu begrünen. Wir hoffen sehr, dass sich diese Bemühungen auszahlen werden. Aber: Einen Ersatz für uns beide werden sie so schnell nicht liefern können. Denn nicht nur versorgen wir Platanen euch Menschen mit frischer Luft und Schatten, wir bieten auch Vögeln und Insekten Nahrung und Schutz. Und schön aussehen tun wir dabei auch noch. Wir wollen nicht eitel klingen, aber: Um das, was wir beide in den letzten sechs Jahrzehnten für euch geleistet haben, fortzuführen, müsstet ihr 400 neue Bäume pflanzen!
Seid euch sicher: Freiwillig verlassen wir euch nicht. Wir wissen, was ihr an uns habt. Und anders als viele unserer Brüder und Schwestern waren wir bis vor Kurzem gesund und munter – keine Spur von Platanenkrebs oder anderen Krankheiten! Gerne hätten wir euch noch viele schöne Jahre mit grünen Blättern, Schatten und kühler Luft beglückt, hätten euch gerne noch ein wenig beim Wohnen und Leben beobachtet, die Kinder, die fröhlich auf dem Spielplatz in unserem Schatten spielen, aufwachsen sehen, hätten gerne weiterhin zwitschernden Vögeln, neugierigen Eichhörnchen und summenden Bienen ein Zuhause geboten. Auch wir Platanen sind Nordendler*innen mit Leib und Seele.
Aber es sollte nun mal nicht sein. Wer sich bei Nacht und Nebel an uns herangeschlichen hat, um unseren Stamm zu durchbohren und ein Gift einzuflößen, das uns langsam aber sicher umbringen wird – ja, wir wissen, wer das getan hat. Das und so vieles andere würden wir euch so gerne sagen. Wenn ihr uns doch nur verstehen könntet! Wann immer ihr in den nächsten Tagen und Wochen über den Merianplatz gehen werdet, vergesst nicht, den Blick zu heben und uns ein letztes Mal anzuschauen. Prägt ihn euch ein, unseren Anblick, lasst ihn euch eine Mahnung sein! Kümmert euch umeinander und um die Nachbarn, die Blätter, Federn oder Fell haben! Das ist, was wir euch noch mit auf den Weg geben wollen. Jetzt bleibt uns nur noch, euch Lebewohl zu sagen. Unsere Kraft schwindet, immer brauner werden unsere Blätter. Bald werden wir nicht mehr da sein.