„Sie ist nicht hier. Warum unter den Toten die suchen, die leben?“ – Diese Inschrift ziert die Rückseite des Grabkreuzes von Cécile Charlotte Sophie Mendelssohn-Bartholdy. Ja, klar, das ist doch die Frau von…und so steht es auch bei Wikipedia zu lesen. Aber – eben nicht nur! Zum Beispiel liebte Cécile es, zu malen und zu zeichnen. Schön soll sie gewesen sein und von einer ruhigen freundlichen Art. Ihren Vater, Prediger der Französisch-reformierten Kirche, hat sie früh verloren, aufgewachsen ist sie in Frankfurt, wo sie 1851 auch starb.
Geschichten von Frauen sichtbar zu machen und so die Toten zurück ins Leben zu holen – mit diesem Ziel lädt das Künstlerkollektiv Swoosh Lieu noch bis zum 01. Juli zu einer „cyberfeministschen Séance“, einem Audio-Video-Walk über den Frankfurter Hauptfriedhof ein. Ganz ohne Termin, ohne Anmeldung und ohne Eintrittsgebühr – wer teilnehmen möchte, benötigt lediglich ein (gut aufgeladenes) Smartphone und Kopfhörer und die Vimeo-Datei, die zum Download auf der Seite www.swooshlieu.com bereitsteht – und schon heißt es „Enter Ghost“ – die Gespenstersuche kann beginnen! Wobei – etwas fehlt noch: Was wäre eine Séance ohne geeignetes Medium? Wir lernen Glitschi kennen, die uns in den nächsten 70 Minuten an die Hand nehmen und über den Friedhof führen wird. Als Medium verbindet sie dabei nicht nur die Welt der Toten mit der der Lebenden, sondern zugleich die Vergangenheit mit der Zukunft, denn Glitschi ist eine KI und bedient sich zur Geisterbeschwörung der modernen Technik in Form von (noch) fiktionalen Apps. Ein Hauch von „Raumschiff Enterprise“ auf dem Frankfurter Hauptfriedhof!
Der Rundgang beginnt am Alten Portal (Ecke Eckenheimer Landstraße/Nibelungenallee). Hier ganz in der Nähe liegt das älteste Grab des Friedhofs, die letzte Ruhestätte von Maria Catherina Allewyn, die kurz nach der Eröffnung des Friedhofs 1828 hier beerdigt wurde. Von dort geht es weiter zur Gruftenhalle, wo es ein ungewöhnliches Kunstwerk zu bestaunen gibt. Die Richtungssteuerung erfolgt per Video, was nach kurzer Eingewöhnungszeit ziemlich gut funktioniert – zum Glück, denn auf dem rund 70 Hektar großen Gelände des Hauptfriedhofs und Wegen mit einer Gesamtlänge von 64 Kilometer kann man sich ansonsten wirklich verlaufen. Festes Schuhwerk ist zu empfehlen, denn nicht alle Wege, über die „Glitschi“ uns führen wird, sind asphaltiert.
Nur ein kurzes Stück vom Grab Cécile Mendelssohn-Bartholdys entfernt, liegt die Grabstätte von Rose Livingston (1880 – 1914) und Minna Noll, genannt „Nelli“. Rose Livingston stammte aus wohlhabendem Hause, in dem Nelli offiziell als Gouvernante angestellt wurde – in Wirklichkeit jedoch waren die beiden Frauen ein Paar. Nach Nellis Tod stiftete Rose Livingston dem Frankfurter Diakonissenhaus das „Nellinistift“ – das älteren alleinstehenden Frauen ein Zuhause sein sollte. Noch heute existiert es in der Cronstettenstraße als Alten- und Pflegeheim.
Kompliziert war die Beziehung zweier anderer Frauen, die ebenfalls nebeneinander auf dem Frankfurter Hauptfriedhof begraben sind: Anna und Tilly Edinger waren Mutter und Tochter, die Mutter Friedensaktivistin und Frauenrechtlerin, die Tochter Naturwissenschaftlerin: Als eine der ersten Frauen promoviert Tilly Edinger in Zoologie, spezialisiert sich auf die Erforschung von Sauriergehirnen und leitet die Sammlung fossiler Wirbeltiere im Senckenberg Museum. Unter den Nazis flieht sie in die USA und verfolgt dort ihre Forschung weiter. Zu ihrer Mutter, die trotz ihres feministischen Engagements – zumindest was das Leben ihrer Tochter betrifft – sehr konservative Ansichten vertritt (so bestand sie darauf, dass die unverheiratete Tilly bei ihr wohnen blieb)
Nach einer guten Stunde führt „Glitschi“ uns zum Neuen Portal, wo die Tour endet. Wer möchte, kann zum Abschluss am Automaten ein Grablicht ziehen (dazu solltet ihr ein 2-Euro-Stück parat haben) und so ein sichtbares Zeichen dafür setzen, dass der Geist von Cécile, Rose, Nelli, Anna, Tilly und aller anderen, die hier auf dem Hauptfriedhof begraben sind, weiterlebt. Denn sie alle haben eine einzigartige Geschichte zu erzählen und es ist an uns, den (noch) Lebenden genau zuzuhören und für die Zukunft daraus zu lernen!
„Enter Ghost“ – Eine cyberfeministische Séance von „Swoosh Lieu“. Noch bis 01. Juli zu den Öffnungszeiten des Hauptfriedhofs (derzeit von 07.00 bis 21.00 Uhr) zu erleben. Die Veranstalter*innen bitten, die Totenruhe sowie die Privatsphäre der anderen Besucher*innen zu beachten und daher den Rundgang auch nicht in Gruppen durchzuführen. Alle Infos sowie die Vimeo-Datei findet ihr hier.