„Das macht 5,90 EUR.“ Freundlich lächelt der junge Mann an der Theke der Pizzeria „Olbia“ in der Glauburgstraße die vor ihm stehende Kundin an. Obwohl es erst kurz nach vier ist, ist viel zu tun – nicht umsonst gehört das „Olbia“ zu den besten Pizzerien im Nordend. Radhwan lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Routiniert nimmt der 25-jährige Bestellungen entgegen, kassiert, schaut zwischendurch auf der Terrasse und in der Küche nach dem Rechten – und verliert bei alldem niemals sein breites Lächeln.
Dabei ist Radhwan derzeit alles andere als zum Lachen zumute . Mitte August lag er dann doch im Briefkasten, der gefürchtete Brief mit dem hessischen Wappen auf dem Umschlag, das knappe Schreiben, das Existenzen vernichtet und Träume zerstört und das alle fürchten, die hier lediglich geduldet sind und über die alle paar Wochen ein erneutes Urteil gefällt wird.
2021 floh Radhwan aus dem Irak; seine Eltern und Geschwister leben noch dort. Die jüngste Schwester ist krank; immer wieder ist die kurdische Familie zudem Repressalien und Bedrohungen ausgesetzt. Trotzdem erhält der junge Mann kein Asyl, lediglich eine Duldung. Dass heißt, er darf nicht ausziehen, aus seiner Unterkunft in Friedrichsdorf, nicht verreisen, nicht ohne weiteres eine Ausbildung oder ein Studium aufnehmen, vor allem erhält er keinen gesicherten Aufenthaltsstatus: Alle paar Wochen muss die Duldung verlängert werden, dann heißt es wieder zittern. Ob und wie lange eine Verlängerung erfolgt, liegt allein im Ermessen der Behörde. Liegen keine Gründe vor, die eine Abschiebung faktisch unmöglich machen – etwa fehlende Pässe – kann sie auch in Fällen gewährt werden, in denen jemand einer Arbeit oder Ausbildung nachgeht. Die Betonung liegt hier auf „Kann“. Immer werden die Betroffenen so daran erinnert, dass sie eigentlich nicht erwünscht sind in diesem Land, dass sie nicht dazugehören sollen, jederzeit ausgewiesen werden können.
Vier Jahre lang lebt Radhwan mit dieser Unsicherheit. Vier Jahre sind eine lange Zeit im Leben eines 25-jährigen, genug Zeit, anzukommen, sich einzuleben, sich ein Leben aufzubauen. Im Oktober 2023 fängt Radhwan im „Olbia“ an. Die Arbeit macht ihm Freude, sein Chef, Fabrizio Sanna, ist hochzufrieden mit ihm: „Bei Null hat er begonnen, heute ist er einer der besten Pizzabäcker hier und mit seiner herzlichen Art sehr beliebt bei den Gästen!“. Deutsch spricht der junge Mann inzwischen fließend, verdient seinen Lebensunterhalt, zahlt Steuern.
Und dann kommt er doch, dieser Brief. Warum eine Duldung nicht mehr verlängert wird und wann genau die Abschiebung vollzogen wird, das teilt die Behörde den Ausreisepflichtigen nicht mit. Jeden Tag könnten sie nun an die Zimmertür seiner Unterkunft klopfen, jedes Mal, wenn im „Olbia“ die Tür aufgeht, könnten es Polizeibeamte sein, die gekommen sind, um Radhwan abzuholen. Was macht das mit den Menschen? „Die Gefahr, dass das Leben von einem Moment auf den anderen wegbrechen kann, stellt eine starke psychische Belastung dar“, heißt es auf der Webseite von Proasyl.
Eine Belastung, die nicht nur die von Abschiebung Bedrohten selbst trifft, sondern auch das gesamte Umfeld. „Uns gibt es seit 50 Jahren im Nordend, seit Corona haben wir in der Gastronomie jedoch massive Probleme, gute Fachkräfte zu finden“, sagt Fabrizio Sanna. Auf keinen Fall möchte er Radhwan verlieren, nicht als Mitarbeiter und nicht als Mitglied unserer Gesellschaft. „Wer hier arbeitet, sich integriert und sich jeden Tag engagiert, um etwas aufzubauen, sollte bleiben dürfen“, ist Sanna überzeugt. Auf Facebook und über die Medien macht er derzeit auf das Schicksal seines Mitarbeiters aufmerksam, hat auch eine Petition auf „open Petition“ gestartet, mehr als 300 Unterstützer*innen haben bereits unterschrieben.
Fragt man Radhwan, wie er sich seine Zukunft erträumt, lächelt der junge Mann bescheiden. Gerne möchte er eine Ausbildung absolvieren, weiterlernen und -arbeiten, eines Tages eine Familie gründen. Und einfach nur leben.
Um Radhwan zu unterstützen, unterzeichnet und teilt bitte die Petition, die ihr hier findet!
UPDATE: Nach Monaten der Ungewissheit hat Radhwan jetzt wieder eine Duldung erhalten, die ihm zumindest zunächst einmal bis Ende Januar 2026 Sicherheit verschafft. Vielen Dank an alle, die die Petition der Pizzeria Olbia unterstützt haben!
Es ist einfach bitter, wie Menschen, die sich super integriert haben, doch weggeschoben werden. Unmenschliche Maßnahme
Da sprechen Sie mir aus dem Herzen, liebe Frau Prada.
Herzliche Grüße,
Heike Strobel
NordendFFM
Ich unterstütze den Appell, das R. Bleiben kann
Herzlichen Dank! Bitte unterzeichnen Sie dazu die Online-Petition im Link.
Viele Grüße,
Heike Strobel
NordendFFM