1992 verlegte der Künstler Gunter Dennig den ersten Stolperstein in Köln, seit 2003 erinnern die rund 10×10 cm großen Messingplatten auch in Frankfurt an die Menschen, die vor den Nazis fliehen mussten oder von ihnen ermordet wurden: am 11. November wurde der erste Frankfurter Stolperstein verlegt, und zwar bei uns im Nordend, vor dem Haus Oberweg 4 für Karl, Klara und Günter Kaufmann.
Seither kamen allein in unserem Stadtteil über 140 Steine hinzu. Drei weitere werden an diesem Wochenende verlegt:
Am Sonntag, 29. Juni werden um 13.00 Uhr Stolpersteine für Ernst, Jeanne und Karl Silberstein enthüllt. Die Familie Silberstein lebte von 1932 bis 1934 in der Holzhausenstraße 11. Ernst (geb. 1879 in Schweinfurth) und Jeanne (geb. 1887 in Metz) heirateten 1910 und lebten zunächst in Mannheim, wo Ernst Silberstein als Kaufmann arbeitete und 1911 Sohn Kurt zur Welt kam. Im Jahr darauf wurde Ernst Mitinhaber der Firma „Gebr. Feibel Waffen und Munition“ und zog im September 1912 mit seiner Familie um nach Frankfurt, später nach Offenbach. Hier kam 1914 Sohn Karl zur Welt. 1931 verließ Karl die Oberrealschule ohne Abschluss – der wachsende Antisemitismus hatte ihm ein Verbleiben unmöglich gemacht. Er zog nach Frankfurt und begann eine kaufmännische Ausbildung in einer Schuhfirma, die er erfolgreich abschloss. Seine Eltern folgten ihm im Jahr 1932 zurück nach Frankfurt und bezogen das Haus in der Holzhausenstraße 11. Der ältere Bruder blieb in Offenbach; auch er absolvierte eine kaufmännische Lehre. Ernst Silberstein betrieb zu dieser Zeit eine Agentur für Schuhwaren und Leder, die er 1936 auf Druck der Nazis aufgeben musste. Im gleichen Jahr floh der ältere Sohn Kurt nach Uruguay. Seinem jüngeren Bruder Karl gelang die Flucht in die USA zum Bruder seiner Mutter, der in New York lebte. Auch Ernst und Jeanne Silberstein konnten 1938 noch rechtzeitig in die USA ausreisen. Ernst Silberstein, der auch in den USA als Vertreter für Schuhe arbeiten konnte, starb 1948 an den Folgen einer Lungenentzündung; Jeanne, die in einer Damenboutique Arbeit fand, lebte bis 1957 in Florida. Sohn Kurt, der seinen Namen in „Raul Saenz“ änderte, wohnte mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern in Kolumbien und starb 1984 in Miami. Auch Karl änderte seinen Namen und nannte sich fortan „Charles Steen“. Wie sein Vater machte er in der Schuhbranche Karriere, auch er bekam zwei Kinder. Exakt 60 Jahre nach seiner Ankunft in den USA starb Karl Silberstein am 13. Dezember 1996 in St. Louis.
Am Montag, 30. Juni um 11.00 Uhr wird der Familie Rosenthal gedacht. Die Schwestern Amalie, Bettina, Selma und Julie Rosenthal lebten ab 1916 und bis 1935 in der Elkenbachstraße 2. Die Älteste, Amalie, geb. 1874, arbeitete als selbständige Schneiderin, schloss aber auch eine Ausbildung zur Buchhalterin ab und arbeitete fortan als kaufmännische Angestellte. 1930 musste sie ihren Beruf aus gesundheitlichen Gründen aufgeben, lebte von einer kleinen Sozialrente und wurde von ihren Schwestern gepflegt. Die Zweitgeborene, Bettina (geb. 1877), eröffnete 1907 ein Hutgeschäft in der Neuen Mainzer Straße, das sie jedoch bald wieder aufgab. Sie und ihre Schwester Selma (geb. 1879) wurden 1942 in das Ghetto Izbica südlich von Lublin und von dort weiter in das Vernichtungslager Sobibor verschleppt, wo sie ermordet wurden. Ihr genaues Todesdatum ist unbekannt. Amalie Rosenthal und ihre jüngste Schwester Julie wurden im gleichen Jahr in das Altenheim des Krankenhauses der Israelischen Gemeinde in der Gagernstraße eingewiesen. Hier starb Amalie am 20. Mai 1942 im Alter von 67 Jahren. Es wird vermutet, dass ihre Todesursache nicht die auf dem Totenschein vermerkte Herzlähmung war, sondern dass sie den Freitod gewählt hat, um der drohenden Deportation zu entgehen. Julie (geb. 1881) wurde im August 1942 nach Theresienstadt deportiert und starb dort am 01. Dezember des gleichen Jahres.
In der Stettenstraße 4 werden am Dienstag, 01. Juli, um 14.00 Uhr Stolpersteine für die Familie Ehrenfeld verlegt. Hans Ehrenfeld (geb. 1889) führte gemeinsam mit seinem Bruder Gustav das Warenhaus Ehrenfeld auf der Zeil, das vor allem für seine Elektronikabteilung (Radios und Fotoapparate) bekannt war. Mit seiner Frau Alice (geb. 1894) hatte er die Söhne Kurt (geb. 1921) und Paul (geb. 1924). Im Nordend führte die Familie ein großbürgerliches Leben; neben dem Haus in der Stettenstraße besaßen die Ehrenfelds ein Wochenendhaus im Taunus. Kurt besuchte die Musterschule, sein jüngerer Bruder zunächst die Holzhausenschule und später das Philanthropin in der Hebelstraße. Nach der Machtergreifung durch die Nazis änderte sich das Leben der Familie Ehrenfeld radikal. Das Kaufhaus litt unter dem Boykott verschiedener Lieferfirmen und musste Personal entlassen. Kurt musste die Musterschule verlassen. Knapp 16-jährig floh er 1937 nach England. Paul beendete seine Schulausbildung im Philanthropin und begann eine Lehre bei der Firma Leitz. In der Pogromnacht 1938 wurde das Warenhaus Ehrenfeld von den Nazis überfallen und verwüstet. Die Brüder Hans und Gustav Ehrenfeld wurden mit vielen anderen jüdischen Männern aus Frankfurt verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Da Hans Ehrenfeld zu diesem Zeitpunkt bereits konkrete Pläne für eine Ausreise aus Deutschland hatte, gelang es ihm, einige Wochen später von dort entlassen zu werden. Die Ehrenfelds flohen über England in die USA; das Warenhaus wurde „zwangsarisiert“, also an einen nicht-jüdischen Inhaber verkauft. In Florida baute Hans Ehrenfeld ein neues Unternehmen auf, das später von den beiden Söhnen Kurt und Paul fortgeführt wurde. Hans und Alice Ehrenfeld starben 1996; Kurt und Paul lebten bis 2008 bzw. 2009.
Alle Infos zu den im Nordend und in Frankfurt verlegten Stolpersteinen findet ihr unter www.stolpersteine-frankfurt.de