UPDATE 14.07: Mittlerweile liegt das Gutachten vor und offenbart gleich zwei traurige Gewissheiten: Nach Entnahme der ersten Proben wurde eine der beiden Platanen ein zweites Mal angebohrt und vergiftet. Und beide Bäume werden diese Giftanschläge nicht überlegen. Bereits am Mittwoch, 16. Juli sollen sie gefällt werden. Für die Arbeiten sind zwei Tage angesetzt. Zuvor habt ihr Gelegenheit, euch von den 60-jährigen Bäumen zu verabschieden: Die Initiative „Mikrokosmos Merianplatz“, der Ortsbeirat 3 sowie die evangelisch-methodistische Kirche laden am Dienstag, 15. Juli ab 18.00 Uhr zu einer Abschiedsfeier auf den Merianplatz ein.
Noch stehen sie links und rechts des Merianbades und spenden den zahlreichen Interessierten, die zur Pressekonferenz des Umweltdezernates gekommen waren, wenigsten ein bisschen Schatten. Aber aller Voraussicht nach nicht mehr lange. „Zu 90 Prozent werden die beiden Bäume nicht überleben“, führt Umweltdezernentin Tina Zapf-Rodriguez aus. Dass in Zeiten des Klimawandels und der zunehmenden Trockenheit und Hitze ein Stück Natur mutwillig zerstört wird, macht die GRÜNEN-Politikerin fassungslos: „Wir brauchen die Bäume als Schattenspender und im Kampf gegen den Klimawandel!“
Anfang Mai waren die ersten Schäden an den beiden 1965 gepflanzten Platanen feststellt worden. Unbekannte Personen – das hat das von der Stadt beauftragte Gutachten ergeben – hatten die Bäume angebohrt und mit Glyphosat „geimpft“. „Leider ist das der Klassiker unter den Baumvergiftungen“, erläutert Joachim Schnabel, vom Regierungspräsidium Kassel bestellter und vereidigter Pflanzensachverständiger. Das Gift wirke systematisch, breite sich von der Einfüllstelle in den ganzen Baum aus und zerstöre die Photosynthesefunktion. Dass beide Bäume aktuell wieder grüne Blätter und Triebe ausbilden – ein Umstand, der viele noch auf Rettung hoffen ließ – sei kein Zeichen der Erholung, sondern Ausdruck des Krankheitsbildes: „Die Bäume wachsen sich quasi zu Tode“. Um ganz sicher zu gehen, hat die Stadt zwar noch einmal ein zweites Gutachten beauftragt, dessen Ergebnis spätestens in der nächsten Woche vorliegen soll. Schnabel ist allerdings alles andere als optimistisch.
Sollte das Gutachten den bisherigen Befund bestätigen, werden die beiden Platanen noch im Juli gefällt. „Im Moment ist die Standfestigkeit zwar noch gegeben. Die Äste sind aber jetzt schon ausgetrocknet; die Gefahr, dass sie bei Gewitter oder Sturm abbrechen und jemanden verletzen, ist zu groß“, führt Zapf-Rodriguez aus.
Die einzige gute Nachricht: In den Boden ist das Gift nicht eingedrungen, es besteht auch keinerlei Gefahr für Mensch und Tier. Margit Martin-Marx von „Mikrokosmos Merianplatz“ blickt dennoch sorgenvoll auf den von Mitgliedern der Initiative liebevoll angelegten Pflanzgarten zu Füßen der Platane. „Eigentlich wollten wir die Pflanzfläche noch erweitern, jetzt warten wir erst einmal ab“, erzählt sie. Begrüßen würde sie ein Mahnmal an der Stelle der Platanen: „Wir trauern und dazu braucht es einen Ort“. Viel Zustimmung hat Martin-Marx für diesen Gedanken erhalten – nicht nur vor Ort, sondern auch auf der Plattform nebenan.de
Wie solch ein Erinnerungsort gestaltet werden könnte, dazu sammelt der Ortsbeirat Nordend gerade Ideen. Im Gespräch ist beispielsweise auch, aus dem Holz der Bäume Spielgeräte oder Bänke zu fertigen und diese auf dem Merianplatz aufzustellen. Auch eine „Trauerfeier“ für die beiden Platanen soll geplant werden.
Wer für das Sterben der beiden Bäume verantwortlich ist, bleibt weiter offen: Die polizeilichen Ermittlungen haben bisher zu keinem konkreten Tatverdacht geführt. „Wer etwas beobachtet hat und zur Aufklärung beitragen kann, soll sich bitte mit der Polizei in Verbindung setzen“, appelliert Zapf-Rodriguez. Die IG Untere Berger Straße und der Ortsbeirat Nordend haben für jeden sachdienlichen Hinweis eine Belohnung von 1000 Euro ausgelobt.
Was auch immer das Motiv gewesen ist, die beiden Platanen umzubringen: Der oder die Täter*in werden sich an einem baumlosen Merianplatz nicht lange erfreuen können. „Wir werden neue Bäume pflanzen“, kündigt Tina Zapf-Rodriguez an. Ob dies wieder Platanen sein werden und ob sie an der gleichen Stelle in die Erde gesetzt werden können, werde noch geprüft- letzteres könnte aufgrund der Leitungen und Trassen problematisch werden. „Aber wir werden uns nicht geschlagen geben!“