Mit der Idee, künftig jährlich einen Stadtteilpreis auszuloben und damit Vereine, Initiativen oder auch Einzelpersonen auszuzeichnen, die sich in besondere Weise um das Zusammenleben im Stadtteil verdient gemacht haben, nahm der Ortsbeirat im Nordend vor genau 20 Jahren eine Vorreiterrolle ein. Neuland, darauf wies Ortsvorsteherin Karin Guder hin, betrat das Gremium aber auch in diesem Jahr: Zum ersten Mal richtete sich die Ausschreibung an eine ganz bestimmte Gruppe, nämlich an die vielen Einzelhändler*innen, die ihre Geschäfte im Stadtteil betreiben – vom Buchhandel bis zum Kaffeeladen. Die Kandidierenden konnten sich dabei nicht wie früher selbst um den mit 600 Euro dotierten Preis bewerben, sondern mussten von ihren Kundinnen und Kunden dafür nominiert werden. Diese ergriffen die Chance und beteiligten sich rege – über 20 Vorschläge gingen beim Ortsbeirat ein.
Als klarer Sieger setzte sich das Buchhändler*innenkollektiv „Land in Sicht“ durch. Seit nunmehr 47 Jahren (gegründet wurde „Land in Sicht“ am 23. Juni 1978) versorgt der Buchladen die Menschen im Stadtteil mit Lektüre – und nicht nur das: „Land in Sicht ist ein Treffpunkt, wo man Gespräche führen kann“, lautete eine der Begründungen für die Nominierung. Andere Kund*innen lobten den „exzellenten guten Service“ und die „hochkompetenten hilfsbereiten Mitarbeiter*innen“. Aktuell sind sie zu siebt: sechs Buchhändler*innen und ein Auszubildender teilen sich die Verantwortung – gleichberechtigt und „ganz ohne Chef“. Ihnen allen merkt man die Begeisterung und Liebe für ihre Arbeit an – trotz aller Hindernissen. Denn die Schwierigkeiten, denen Buchhandlungen im Zeitalter des Internets und der digitalen Medien ausgesetzt sind, gingen auch an „Land in Sicht“ nicht spurlos vorbei: Vor zwei Jahren musste der Buchladen wegen steigender Mietkosten aus seinem angestammten Ladenlokal in der Rotteckstraße ausziehen. Glücklicherweise fand sich rasch ein neues Domizil in der Eisernen Hand 3 und glücklicherweise hielten die Nordendler*innen ihrer Stadtteilbuchhandlung die Treue; viele halfen seinerzeit beim Umzug mit und bildeten eine „Bücherkette“ von der Rotteckstraße in die neuen Räumlichkeiten. „Wir sind unfassbar glücklich angekommen in der Eisernen Hand“, bringt Lyda Petzel es in ihrer Dankesrede auf den Punkt. Dass sie mit so klarem Vorsprung den Stadtteilpreis gewinnen, damit haben die Buchhändler*innen gar nicht gerechnet. In den vergangenen Jahren wurde der Preis häufig geteilt oder konnte gar nicht vergeben werden. Die 600 Euro kann das Kollektiv aber gut gebrauchen – zum Beispiel für Veranstaltungen wie den „Open Book Slam“, der zum achten Mal am kommenden Montag stattfindet. Nicht nur die Buchhändler*innnen selbst, sondern auch interessierte Leserinnen und Leser werden an diesem Abend ihre „abgefahrenen, schönsten, wüstesten, hinreißendsten, dramatischen Leseerlebnisse“ vorstellen. Wer eigene Erlebnisse beisteuern mag, ist herzlich dazu eingeladen. Aber auch, wer „Land in Sicht“ einfach einmal kennenlernen und Gleichgesinnte treffen möchte, ist herzlich willkommen.