Soziales

Fünf B für neue Perspektiven – Ein Besuch bei „Hilfe im Nordend“

Wer hätte gedacht, dass sich hinter den Türen der Lutherkirche nicht nur Altar und Gebete verbergen, sondern zuweilen auch Kino und Kochlöffelgeklapper? 

Seit 1991 hat die Luthergemeinde einen Verein, der zwar „Hilfe im Nordend“ (kurz: HIN e.V.) heißt, dessen Angebot jedoch weit über reine Hilfsleistungen hinausreicht. „Unser Auftrag ist ein doppelter“, heißt es im Jahresbericht des Vereins, „die tätige, zugewandte, kompetente und nachhaltige Unterstützung für diejenigen, die kämpfen müssen und die anwaltschaftliche Vertretung für und gemeinsam mit denjenigen, die kämpfen müssen“. 

Rund 25.000 Frankfurter*innen waren im vergangenen Jahr arbeitslos gemeldet; mehr als ein Drittel von ihnen seit über einem Jahr. Vor allem sie finden bei HIN e.V. Unterstützung: Viele der Menschen, die zu „Hilfe im Nordend“ kommen, sind älter als 45 Jahre und bereits seit fünf bis zehn Jahren ohne Job.

Im Mittelpunkt des Angebots stehen die „fünf B“: Beratung, etwa bei der Stellensuche, in juristischen oder auch sozialpsychologischen Fragen – Bildung und Beschäftigung durch Workshops, Projekte und Bezuschussung von externen Kursen, beispielsweise der Volkshochschule, vor allem aber die Möglichkeit, in Bewegung zu bleiben, den Tag mit sinnvollen Aktivitäten zu füllen und sich dabei in Begegnungen auszutauschen und zu vernetzen. Welches „B“ dabei hauptsächlich interessiert, ist individuell ganz unterschiedlich: Während sich vor allem jüngere Menschen so schnell wie möglich wieder in den Arbeitsmarkt orientieren wollen, geht es für andere in erster Linie darum, ihren Tag sinnvoll zu strukturieren und das Gefühl, gebraucht zu werden, zurückzugewinnen. Wie die „fünf B“ sich dabei ergänzen, zeigt das Beispiel der „Cineasten“:  Regelmäßig organisiert die Gruppe Filmabende mit anschließender Diskussion entweder im Großen Saal der Lutherkirche oder auch in Alten- oder Pflegeheimen. „Filmkultur schafft generationsübergreifend Begegnungsräume, setzt aber auch unterschiedliche Kompetenzen voraus: So müssen etwa die Filme im Team ausgewählt, die Lizenzen geklärt, die Gesprächspartner*innen angefragt und vor Ort die Technik bedient werden. Dadurch sammeln die Gruppenmitglieder Erfahrungen, die ihnen auch auf dem Arbeitsmarkt nützlich sein können“, erklärt Helmut van Recum, einer der beiden Hauptamtlichen bei „Hilfe im Nordend“, der dieses Projekt ins Leben gerufen hat. Gleiches gilt für die Gruppe des „Hilfsdienstes“, die ehrenamtlich ältere Menschen im Stadtteil bei der Bewältigung von Alltagsaufgaben unterstützt und die Senior*innen etwa zu Arztbesuchen begleitet, für sie einkauft, staubsaugt oder den Müll rausbringt. Aktuell 18 Mitarbeitende umfasst die Gruppe – neben der pauschalen Aufwandsentschädigung und weiterbildenden Schulungen sind es vor allem die Begegnungen mit den älteren Menschen, die als bereichernd empfunden werden. 

Aber auch die gemeinsame Freizeit kommt bei HIN e.V.  nicht zu kurz: Getroffen wird sich etwa zum wöchentlichen Austausch in der Startergruppe, zum Fitness, zum Tischtennis, zu Ausflügen in die nähere Umgebung oder zum gemeinsamen Gärtnern im  Garten auf dem Areal der „Grünen Lunge“. Viele der Angebote konnten auch während der Pandemie weiter aufrechterhalten werden – natürlich unter Einhaltung der gesetzlichen Schutzbestimmungen und Hygienemaßnahmen. Verbindend wirkte darüber hinaus die 2021 neu gegründete Online-Vereinszeitung, die 14-tägig erscheint. 

Einen großen Teil der Vereinsarbeit nehmen die individuellen Beratungen ein. In Einzelgesprächen leisten die Diplompädagogen Helmut van Recum und seine Kollegin Ilse Valentin Hilfestellung bei der Ermittlung beruflicher und persönlicher Stärken, beim Bewerbungsprozess, in Fragen der Existenzsicherung und vor allem auch bei sozialpsychologischen Problemen, die gerade zu Pandemiezeiten oft nur mittelbar mit der Arbeitslosigkeit an sich zu tun hatten. 127 Gespräche hat das Team von „Hilfe im Nordend“ im vergangenen Jahr geführt und damit viel bewirken können: „Für mich war HIN der Fels in der Brandung“, bringt es einer der Ratsuchenden auf den Punkt. 

Unterstützt werden Helmut van Recum und Ilse Valentin, die die Geschäfte und den Verein leiten, von einem dreiköpfigen Vorstand und natürlich von den Mitgliedern des Vereins, denn die Mitgliedsbeiträge sind neben Spenden, der Unterstützung durch die Luthergemeinde und den Mitteln der Evangelischen Kirche Hessen Nassau (EKHN) ein wesentlicher Teil der Finanzierung. Den Löwenanteil – etwa 70 Prozent – allerdings trägt die Stadt Frankfurt aus dem Frankfurter Arbeitsmarktprogramm. 

Perspektivisch werden Ilse Valentin und Helmut van Recum für alle jungen und jung gebliebenen erwerbslosen Personen über 25, die nochmals beruflich durchstarten, sich neu orientieren und sich dazu hier informieren, sich coachen lassen oder/und vernetzen möchten, weitere Angebote und Projekte entwickeln. Ob jung oder alt– sechs der „Best Agers“ haben im vergangenen Jahr den Wiedereinstieg in den Arbeits- bzw. Ausbildungsmarkt geschafft. Nicht zuletzt dank „Hilfe im Nordend“.

Neue Besucher*innen und Fördermitglieder sind bei „Hilfe im Nordend“ herzlich willkommen. Mehr zu den Angeboten des Vereins erfahrt ihr unter www.luthergemeinde-ffm.de

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