Dass Lisa Ott, Inhaberin des „Strandcafés“ in der Koselstraße selbst hinter dem Tresen steht und Gläser poliert, kommt nicht oft vor. Viel zu tun hat sie, denn an diesem frühsommerlich warmen Abend sind draußen alle Tische belegt. „Wenn es immer so gewesen wäre“, sagt die junge Frau und lächelt wehmütig, „dann hätte es vielleicht weitergehen können“. So aber wird das Strandcafé Ende Mai seine Pforten schließen.
Damit verliert das Nordend nicht irgendein Café, sondern einen der – immer rarer werdenden – Orte, an denen der Geist der 68er noch heute fortlebt.
Vor ziemlich genau 48 Jahren, am 01. Mai 1978, gründete Johnny Klinke, heute Chef im „Tigerpalast“, das Café in den Räumen einer ehemaligen Drogerie in der Koselstraße 46 – er wollte den „Spontis“, den politischen Aktivisten (aus denen dann u.a. die „Grünen“ hervorgegangen sind) einen Treffpunkt schaffen. Namenspatin für das Café ist die 68er-Studentenparole „Unter dem Pflaster liegt der Strand“. Damit gemeint: Hebt man nur genügend Pflastersteine auf (um sie werfend zur Revolte gegen das kapitalistische System zu nutzen), dann legt man ihn frei, den Strand. Zugegeben: Einen Strand gibt es in Frankfurt heute ebensowenig wie es den seinerzeit Revoltierenden gelang, das kapitalistische System zu überwinden.
Es ist traurige Ironie, dass nun gerade dieses auch mit ein Grund für das Aus des „Strandcafés“ ist. Denn neben persönlichen Gründen sind es eben die finanziellen Herausforderungen, die Lisa Ott zu diesem Schritt bewogen haben, die stetig steigenden Kosten für Miete, Personal und Lebensmittel.. Letztere kommen im „Strandcafé“ stets ganz frisch auf den Tisch. „Obst und Gemüse beziehen wir beispielsweise von „Bettina“ direkt gegenüber“, erzählt ein Mitarbeiter. Nachhaltigkeit gehört quasi zur DNA des Cafés – auch das ein Erbe der ursprünglichen Gründer.
Vier Jahre lang führte Johnny Klinke das Strandcafé; zu den Stammgästen zählten spätere Polit-Größen wie Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit. Die Sportlichen, die den Nachmittag nach dem Kicken im Ostpark ausklingen ließen, die Schreiber, die mit Medien wie der „taz“ und dem „Pflasterstrand“ (das von Daniel Cohn-Bendit mitbegründete Frankfurter Stadtmagazin, das es bereits seit 1990 nicht mehr gibt) das gesellschaftliche Denken verändern wollten – sie alle versammelten sich hier. „Samstagnachmittags war der vordere Tisch in der Fensternische fest reserviert“, erinnert sich Cornelia Walther von den Grünen im Nordend, die sich an eben dieser Stelle aktuell zum monatlichen Stammtisch treffen. Auch wenn seit den Zeiten von Johnny Klinke die Betreiber mehrfach gewechselt haben – die Familie Ott führt das Café seit 2008 – haben sich zwei Dinge über die Jahre gehalten: Die reichhaltige Weinkarte und das wie zusammengewürfelt wirkende Mobiliar.
Die hölzernen Stühle, von denen jeder irgendwie ein wenig anders aussieht, avancieren nun zu Erinnerungsstücken: Für jeweils 40 Euro können sie reserviert und am 30. Mai abgeholt werden. Wer noch einen Stuhl ergattern möchte, muss sich allerdings beeilen, bis auf einige wenige sind bereits alle vergeben. Dass das Strandcafé auf diese Weise in zahlreichen Wohnzimmern und Küchen des Nordends ein Stück weit fortleben wird, dürfte für viele Gäste nur ein schwacher Trost sein.
„Ich war mit meinen Eltern in den 70ern, mit mir selbst in den 80ern und heute wieder da. Unfassbar, dass es dieses Kleinod noch gibt“, schrieb ein Gast vor einigen Monaten auf Google. „Goldige Location. Ich freue mich schon auf den nächsten Besuch“, rezensiert ein anderer.
Er wird sich beeilen müssen. Nur noch eine Woche lang hat das „Strandcafé“ geöffnet, auch am (Pfingst-) Montag, der normalerweise Ruhetag ist. Die Öffnungszeiten sind allerdings reduziert, das Café öffnet um 09.00 Uhr und schließt an allen Tagen bereits um 18.00 Uhr. Letzte Chance, sich das (viel gelobte) Frühstück noch einmal schmecken zu lassen, ist Freitag, 29. Mai. Bis 13.00 Uhr herrscht „normaler“ Cafébetrieb, „danach lassen wir den Tag in einem lockeren Beisammensein ausklingen – unaufgeregt und herzlich“, heißt es in der Ankündigung auf Instagram.
Wie es nach diesem Tag weitergehen wird? Ein Café soll es in der Koselstraße 46 auch weiterhin geben. Aber mit anderem Namen, anderem Ambiente, anderem Angebot, vermutlich auch anderem Publikum. Der Strand geht endgültig. Es bleibt das Pflaster.