Es begann an einem Sonntag. Genauer gesagt, am 20. August 1899. Schon seit einem Jahr trafen sich Josef Fleckenstein und seine Freunde sonntagnachmittags zum Kicken auf dem Glauburgplatz. „FC Nordend“ nannten sie sich – nach dem Viertel, in dem sie zu Hause waren. Ein Stadtviertel, das vor Kurzem noch hauptsächlich aus Wiesen und Wäldern bestanden hatte, das sich aber in den elf Jahren seit der Nachbarort Bornheim zu Frankfurt gehörte, rasant entwickelt hatte. Seit knapp einem Monat fuhr eine Straßenbahn von Sachsenhausen ins Nordend und überall wurden im Eiltempo Häuserblöcke hochgezogen – nicht für die Reichen, die wohnten im Westend. Ins Nordend zogen die weniger Betuchten: kleine Angestellte, Einzelhändler, Handwerker. Auch die 16 jungen Männer, die auf dem Glauburgplatz kickten, waren Handwerker und Auszubildende, kaum mit der Schule fertig. Geld hatten sie alle nicht viel. Aber große Träume. Die von Josef und den anderen hatten mit dem neuen Sport aus England zu tun. Mochten die Erwachsenen die Nase rümpfen und auf das traditionelle Turnen schwören – die Jungs vom „FC Nordend“ brannten für den Fußball. Jeden Sonntag trainierten sie mit Feuereifer: Auf dem Glauburgplatz, auf dem Gelände zwischen Egenolffstraße, Friedberger Landstraße und Rohrbachstraße. „Wo immer ein freier Platz war, wurde gekickt“, erinnert sich Fleckenstein. Bald hatte die Anfänger-Mannschaft eine Vereinssatzung und auch ein Vereinslokal war schnell gefunden: Nach dem Spielen kehrten die Fußballer an der Ecke Friedberger Landstraße/Glauburgstraße beim „Schüttel-Karl“ ein. Die Anfänge waren mühsam: „Jeder einzelne Pfennig wurde geopfert und gemeinschaftlich zusammengelegt, damit wir einen Ball kaufen konnten. Unser Sportdress bestand anfangs aus einer kurzen schwarzen Hose und einem weißen Turnertrikot“, schildert Josef Fleckenstein.
Das Training zahlte sich jedoch aus, die Mannschaft kam voran und an besagtem Augustnachmittag tauften sich die Nordendler in „Fußball-Sportverein 1899 Frankfurt/Main“ um. Der Name sprach für sich: Aus dem amateurhaften Kicken auf den Straßen des Nordends war die Mannschaft herausgewachsen. Ab sofort fand das Training auf der städtischen Spielwiese am Prüfling statt und der FSV nahm an Turnieren teil – natürlich zunächst in der untersten Klasse. Aber gleich das erste Spiel konnten die nunmehr zu „Bernemern“ gewordenen Fußballer klar für sich entscheiden: „Unsere Spielstärke wuchs zusehends, wir erzielten gute Resultate, rückten bald zur obersten damaligen A-Klasse auf“, erinnert sich Fleckenstein. 1905 gewann der Verein seine erste Meisterschaft. 1908 konnte ein eigenes Vereinsgelände an der Seckbacher Landstraße bezogen werden. Erst 1910 wurde der Fußballsportverein ganz offiziell in das Vereinsregister der Stadt Frankfurt aufgenommen.
15 Jahre später sollte der FSV seinen größten Triumph erleben: Strahlender Sonnenschein herrschte an diesem Nachmittag des 07. Juni 1925 über Frankfurt. Über 40.000 Zuschauer waren ins nagelneu erbaute Waldstadion gekommen, um das Finale der deutschen Fußballmeisterschaft mitzuerleben – und um „ihren“ FSV anzufeuern. Denn der hatte sich bis in das besagte Finale vorgekämpft. Hier freilich trafen die Frankfurter mit dem 1. FC Nürnberg auf einen Gegner, dessen Mannschaft schon allein aufgrund der Spielerfahrung – alle Mitglieder spielten auf nationaler Ebene – klar überlegen schien. Die „schwarzen Teufel“, wie die mittlerweile in schwarz-blauen Farben spielenden Frankfurter auch bezeichnet wurden, schlugen sich jedoch wacker: Erst in der Verlängerung mit 0:1 mussten sie sich gegen die Unterfranken geschlagen geben und wurde somit immerhin Deutscher Vizemeister – ein Erfolg, den der FSV im Jahr 1938 wiederholen konnte.
Es folgten dunkle Jahre in der deutschen, wie auch in der Vereinsgeschichte: Wie die meisten anderen Sportvereine wurde auch der FSV Frankfurt in den NS-Reichsbund für Leibesübungen eingegliedert. Jüdinnen und Juden wurden aus dem Verein ausgeschlossen. Das traf auch den Frankfurter Lungenfacharzt Dr. David Rothschild, der 1925 zum Vorsitzenden des FSV gewählt worden war und maßgeblich dazu beigetragen hatte, die Vereinsstruktur zu professionalisieren sowie seinen Nachfolger, den Unternehmer Alfred J. Meyers, der 1931 das noch von Rothschild geplante Stadion am Bornheimer Hang realisieren konnte. Beiden hat der FSV anlässlich des 125-jährigen Vereinsjubiläums 2024 posthum die Ehrenpräsidenten-Würde verliehen.
Als einer der wenigen Vereine wurde der FSV nach dem Krieg unter seinem alten Namen wiedergegründet. Bis zur Einführung der Bundesliga 1962 spielte der Verein in der höchsten deutschen Spielklasse, der Oberliga Süd. 1972 wurden die Frankfurter Deutsche Amateurmeister. Drei Jahre später konnte der Aufstieg in die zweite Bundesliga gefeiert werden, wo sich der FSV bis zur Saison 1980/81 behaupten konnte. Wirtschaftlich gesehen folgten schwierige Jahre. In den 90er Jahren stand der FSV kurz vor dem Konkurs. Es ist dem damaligen Präsidenten Bernd Reisig zu verdanken, dass der Fußballverein wieder auf die Beine kam. Und 2009 gelang es den „Bernemern“, erneut in die zweite Bundesliga einzuziehen! 3000 Fans feierten diesen Erfolg frenetisch am Frankfurter Römer. Bis 2015 konnte sich der FSV in der Bundesliga behaupten und hätte in der Saison 2012/13 sogar fast um dem Aufstieg in die erste Bundesliga kämpfen können! Mit Platz 4 erzielte er damals die beste Platzierung der Vereinsgeschichte. Auch wenn sich die Bornheimer 2017 bis heute vom Bundesligafußball verabschieden mussten, war der Verein auf Landesebene weiterhin erfolgreich: In der Saison 2022/23 konnten der FSV den Hessenpokal erringen und belegt aktuell den 3. Tabellenplatz in der Regionalliga Südwest.
Im Laufe der Zeit erweiterte der Fußballsportverein sein Angebot um Boxen, Leichtathletik, Tennis, Bowling, Hockey, Handball, Dart, Basketball, Faustball, Gymnastik, Baseball, Wassersport und Kleinkaliberschießen. Und konnte auch abseits des klassischen Männerfußballs große Erfolge erzielen: 1960 gewann der Leichtathlet Armin Hary in Rom die Olympische Goldmedaille im 100-Meter-Lauf. Und was den Herren nicht gelang, schafften die Fußball-Frauen: 1985 holten die Spielerinnen des FSV den DFB-Pokal, ein Jahr später folgte die Deutsche Meisterschaft. Die Weltklassespielerin Birgit Prinz begann ihre Karriere am Bornheimer Hang.
Einen Namen hat sich der Verein insbesondere in der Nachwuchsförderung gemacht, und zwar nicht nur im Leistungssportbereich: Seit 2007 bietet der FSV in Zusammenarbeit mit dem Radiosender FFH jährlich in den Sommerferien eine Fußballschule an, um Kindern den Spaß am gemeinsamen Spiel zu vermitteln. Und Anfang 2026 wurde ein Förderverein gegründet, um Kindern, Jugendlichen und Familien Sport unabhängig vom Geldbeutel zu ermöglichen.
Mit einer Plakette an die Anfänge des FSV auf dem Glauburgplatz zu erinnern – diese Idee war bereits vor zwei Jahren an den Ortsbeirat herangetragen worden. Obwohl das Gremium im Juni 2024 einen entsprechenden Antrag einstimmig beschlossen hat, ließ sich die Stadt mit der Umsetzung ein wenig Zeit: Zum 125-jährigen Vereinsjubiläum, das im Jahr 2024 begangen wurde, klappte es nicht mehr. Erst im März diesen Jahres wurde die Gedenkplakette am Rande des Glauburgplatzes errichtet – einem Ort an dem auch heute noch viele Kinder und Jugendliche Fußball spielen, wie Ortsvorsteherin Karin Guder in ihrer Rede hervorhob. Dass viele Frankfurterinnen und Frankfurter hierher kommen, um dem FSV zu gedenken – „oder natürlich im Stadion“ – das würde sich Präsident Michael Görner wünschen. Aber die Plakette ist weit mehr als ein Gedenkort: „Sie ehrt nicht nur den sportlichen Erfolg, sondern auch den Mut dieser Gründergeneration. Sie erinnert uns daran, dass große Traditionen oft im Kleinen, mit einer einfachen Idee und viel Leidenschaft beginnen“, unterstreicht Oberbürgermeister und Sportdezernent Mike Josef und macht deutlich, was den Verein vor allem auszeichnet: „Der FSV hat in all den Jahrzehnten – durch Weltkriege, Krisen und sportliche Berg- und Talfahrten – eines nie verloren: seine Seele. Er ist ein Symbol für Durchhaltevermögen und Zusammenhalt.“
Und das – wie das Vereinsmotto besagt – aus eigener Kraft.